Galerie Südliches Friesland

Geschichten hinter den Bildern



  • Der schmale Pfad am Ufer des Sees war fast zugewachsen vom Schilf und den schattigen Weiden, die dicht am Wasser standen und ihre Zweige wie ein Zelt über den Uferrand ausstreckten. Im Spätsommer lagen die Wurzeln der Bäume zum Teil frei und die Unterspülungen wurden sichtbar. An solchen Plätzen gelang es manchmal, einen Fisch zu fangen. Auf dem Bauch liegend, mit einer Hand im Wasser, langsam tastend, um dann im richtigen Moment zuzupacken.

Mich ergreift eine tiefe Sehnsucht, wenn ich an diese Zeit denke. Alles erschien einfach und leicht. Wir Kinder spielten entweder am Wasser oder tobten im Wald, der direkt hinter unserem kleinen Dorf lag. Verboten, und daher besonders spannend und unwiderstehlich, waren die Erkundungen im nahen Moor, das heute nur noch zu betreten ist auf vorgeschriebenen, befestigten Wegen. Die tiefen Morastlöcher zwischen den hohen Gräsern konnte man nur schwer erkennen. Sie warteten nur darauf uns zu verschlingen. Erinnerungen an den modrigen Geruch des Moores, dunkelbraune erdige Farbtöne und bizarre Strukturen und Vertiefungen, die durch dass Torfstechen entstanden sind, lassen bei mir auch heute noch Stimmungen und Bilder entstehen. 





  • Am Wasser oder in der weiten, flachen Landschaft gibt es für mich einen magischen Augenblick: Es ist die kurze Zeit, wenn die Nacht den Tag ablöst, in den wenigen Sekunden, wenn die Sonne ihre allerletzten Strahlen sendet. Wenn die Natur scheinbar den Atem anhält, als ob man nicht hören soll, was der Tag der Nacht zu erzählen hat und es so aussieht, als ob am Horizont Himmel und Erde sich vereinen. Dieser Moment des Mystischen hat für mich nie an Faszination verloren.

Für den Jungen wurde es Zeit für den Heimweg. Die Freunde waren schon alle gegangen, die Schatten vom anderen Ufer wurden bereits sehr lang und der Abend legte einige Dunstschleier auf das Wasser. Die Geräusche des Tages waren verstummt, nur die Blätter der Weiden flüsterten und summten noch ihr Lied, bis der letzte Windhauch auch sie zum Schweigen brachte. Ein Wildentenpaar zog ihre Bahnen über das spiegelglatte Wasser, so gerade wie an einer Schnur gezogen. Vor dem gegenüberliegenden Ufer saß ein Angler regungslos im Boot in einer typischen, beschaulichen Silhouette. Der türkisfarbige Himmel mit den wenigen Wolken, deren Ränder in einem gelbroten Licht strahlten, hätte auch ein Bild, geschaffen von einem Maler aus der Zeit der Romantik sein können.






Auf dem weichen halbnassen Sand konnte der Junge gut laufen, die Sandalen in der einen, die Spielutensilien in der anderen Hand. Seine dünnen Beine waren braun gebrannt von der Sonne und die flinken Laufbewegungen zeigten die Sorglosigkeit und Unbeschwertheit dieses Tages.


Der Weg wurde unterbrochen von einer Badestelle, an der man, ohne sich am oft steinigen Untergrund die Füße zu verletzen, ins Wasser gehen konnte. Vorn am Ufer stand ein Mann mittleren Alters, seine Körperhaltung spiegelte eine konzentrierte Versenkung in Gedanken wider. Die männlichen Gesichtszüge mit der hohen Stirn und den tiefgründigen blauen Augen, gaben dem Mann ein markantes Aussehen. Die Schläfen zierte ein leichtes Grau. Der feine dunkle Anzug und das weiße Hemd mit der samtigen Krawatte wollten aber so gar nichtin diese Umgebung passen. 


„Schau“, sagte er, ohne sich umzudrehen - „dort auf dem Wasser!“ Der Junge blieb stehen und folgte dem Zeigefinger des Mannes. Wenige Meter seitlich am Schilfgürtel, dort wo ein paar Seerosen große Blätter auf das Wasser gelegt hatten, tanzte eine Libelle im letzten Abendlicht. Die blau-silbrigen Flügel funkelten und blitzten in einer eleganten Flugbewegung. 






Nach kurzer Zeit landete sie auf einem der Seerosenblätter und hielt inne. Beim weiteren Hinsehen sah er ein kleines zauberhaftes Wesen, so zart und durchsichtig und voller Anmut, dass er meinte, er befände sich in einem Traum. Mit einem Male veränderten sich für den Jungen der Raum und die Farben des Lichts. Er sah, wie im Fokus einer Lupe, die Ränder auseinander gezogen, im Mittelpunkt das elfenhafte Wesen. Kristallklar. Der Anblick versetzte ihn in einen Zustand von tiefem Glücksgefühl und ehrfürchtigem Staunen. „Man nimmt wahr, was man fühlt und denkt“, hörte er den Mann noch mit sonorer Stimme sagen. 


Als die Sonne ganz untergegangen war, löste sich das Gesehene auf. Dem Jungen klopfte das Herz bis zum Hals, wie in Trance verweilte sein Blick noch eine Weile auf dem Seerosenblatt. Als er sich dann umdrehte, war der Mann verschwunden.
An diesem Abend sprach der Junge sehr wenig, und in der Nacht, als alles schlief, stand er noch einmal auf und ging zum Fenster. Der Mond leuchtete durch den großen Apfelbaum. Es sah aus, als ob eine Laterne im Baum hing und die knorrigen, alten Äste in die Ferne zeigten.






An diesem Tag hatte der Junge etwas erlebt, was sich nur schwer mit Worten beschreiben lässt. Seine Seele hatte eine Grenze zu einer bisher unbekannten Welt durchbrochen. Auch nach Jahren, als die kindlichen Träume mit der Realität wechselten, wurde das Erfahrene wie ein Schatz gehütet, in dem Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die weit entfernt sind von dem, was unser Verstand noch begreifen kann.